Immer wieder entstehen in Paris wilde Zeltlager – unter Brücken, entlang von Stadtautobahnen oder direkt vor Bezirksrathäusern. Tausende Menschen leben auf der Straße, während Hilfsorganisationen Alarm schlagen: Die Zusammensetzung der Betroffenen hat sich dramatisch verändert, und zwischen der Stadt Paris und dem französischen Staat tobt ein erbitterter Streit.
Eine Zählung zu Jahresbeginn ergab, dass allein in der französischen Hauptstadt rund 4.000 Menschen komplett ohne Obdach leben. Doch anstatt dauerhafter Lösungen erleben viele Betroffene einen zermürbenden Teufelskreis aus Vertreibung, kurzzeitiger Notunterbringung und der Rückkehr auf den Asphalt.
Gekürzte Notplätze verschärfen die Krise
Die Notlage spitzt sich zu, weil zu Sommerbeginn im System des Pariser Sozialen Notdienstes (Samu Social) rund 850 Unterbringungsplätze pro Tag gestrichen wurden. Zuvor provisorisch untergebrachte Menschen verloren ihre Bleibe und schlugen aus Protest Camps auf – teils direkt auf dem Parkplatz des Notdienstes.
Vor einem Pariser Bezirksrathaus harrten zuletzt 400 Menschen in Zelten aus, darunter etwa 150 Kinder. Die Bedingungen in solchen Lagern sind verheerend:
- Mangelhafte Sanitäranlagen: Kaum Zugang zu Duschen oder sicheren Toiletten.
- Extreme Witterung: Im Sommer verwandeln sich Zelte bei teils über 40 Grad in unerträgliche Hitzezonen, gefolgt von Unwettern, die Matratzen und Decken durchnässen.
- Sicherheitsrisiken: Fehlender Schutz führt auf engstem Raum wiederholt zu Übergriffen und Diebstählen.
Wandel auf der Straße: Zunehmend Familien und Kinder betroffen
Straßensozialarbeiter und Hilfsorganisationen beobachten eine beunruhigende Entwicklung: Während man bei Streifengängen vor zehn Jahren fast ausschließlich alleinstehende Männer antraf, prägen heute zunehmend Schwangere, Familien mit Kleinkindern und schwer kranke Menschen das Bild der Lager.
Hilfsteams leisten medizinische Nothilfe gegen Dehydrierung, Infektionen und chronische Leiden – Zustände, die man sonst aus internationalen Krisenregionen kennt.
Juristischer Streit: Städte stellen sich gegen den Staat
Während die Stadtverwaltung über 2.000 Schlafplätze finanziert und im Notfall temporär Turnhallen für Tausende Menschen öffnen muss, sieht sie die eigentliche Verantwortung bei der Regierung. Per Gesetz liege die Pflicht zur Unterbringung von Obdachlosen beim französischen Staat – dieser komme seinen Aufgaben jedoch unzureichend nach.
Räumungen durch die Behörden führen meist nur dazu, dass Betroffene vorübergehend in Außenbezirke oder Vororte verlegt werden, um kurz darauf wieder ohne Dach über dem Kopf dazustehen. Mehrere französische Großstädte, darunter Straßburg, haben den Staat wegen des Umgangs mit der Obdachlosigkeit bereits verklagt; auch in Paris werden rechtliche Schritte geprüft.
Quelle & Reportage:Deutsche Welle (DW Deutsch) auf YouTube