Als ich vor einiger Zeit offen darüber geschrieben habe, wie es ist, ohne Sex zu leben und damit seinen Frieden zu machen, war das ein sehr persönlicher Schritt. In einer Gesellschaft, in der Sexualität oft als ultimativer Gradmesser für Glück und Vitalität gilt, ist das Eingeständnis, dass dieser Bereich im eigenen Leben ruht, ein echtes Tabu.
Mit etwas zeitlichem Abstand möchte ich ein Update dazu geben – denn dieser Weg ist kein starrer Zustand, sondern ein lebendiger Prozess, der von neuen Erkenntnissen und ehrlichen Momenten geprägt ist.
Nicht allein: Wenn Medikamente das Leben verändern
Ein Gedanke hat sich in der Zwischenzeit besonders stark verfestigt: Niemand ist damit so isoliert, wie man anfangs vielleicht glaubt. Ich kenne inzwischen andere Betroffene, denen es ganz genauso geht.
Bei vielen spielen Medikamente die entscheidende Rolle. Dauerhafte medikamentöse Therapien greifen oft tief in den Hormonhaushalt, die Nerven und die Libido ein. Was medizinisch notwendig ist, um die Gesundheit oder das seelische Gleichgewicht zu stabilisieren, führt als Nebenwirkung nicht selten zum Erliegen des sexuellen Verlangens.
Für viele beginnt dann zuerst das Hadern: Man glaubt, etwas verloren zu haben oder nicht mehr „vollständig“ zu sein. Doch genau wie bei mir habe ich bei diesen Menschen etwas Berührendes beobachtet: Sie haben es geschafft, ihren Frieden damit zu schließen. Nicht aus Verbitterung oder Resignation, sondern weil sie verstanden haben, dass man nicht gegen den eigenen Körper kämpfen muss, um ein gutes Leben zu führen.
Die Wellen der Gefühle: Wenn Nähe wieder anklopft
Frieden zu schließen bedeutet jedoch nicht, dass man emotional abstumpft oder wie ein Roboter durchs Leben geht. Es ist ein Prozess mit Wellen.
Es gab Phasen, in denen plötzlich das Verlangen nach menschlicher Nähe wieder ganz intensiv hochkam. Dieses Urbedürfnis nach Geborgenheit, nach jemandem, der da ist, nach Wärme. Man spürt es, setzt sich damit auseinander – und merkt mit der Zeit, wie es sich auch wieder verabschiedet und zur Ruhe kommt. Es darf da sein, ohne dass man sofort in Panik verfallen oder sein ganzes Leben umkrempeln muss.
Genauso verhält es sich mit der Sexualität selbst: Auch wenn der Alltag weitgehend frei von sexuellen Bedürfnissen ist, flammt das Verlangen danach ab und zu ganz kurz wieder auf. Ein flüchtiger Gedanke, ein kurzes Aufblitzen alter Muster. Doch anstatt sich davon aus der Bahn werfen zu lassen, habe ich gelernt, es einfach wahrzunehmen. Es kommt, bleibt für einen Moment und geht wieder.
Die Freiheit im Alltag
Was unterm Strich bleibt, ist eine ganz besondere Form von innerer Freiheit.
Mein Alltag ist heute weitgehend frei von dem ständigen Druck, den sexuellen Bedürfnissen nachzujagen, Erwartungen erfüllen zu müssen oder einen Partner finden zu „müssen“, um ein vermeintliches Defizit auszugleichen. Wenn dieser Druck wegfällt, wird der Kopf frei. Man gewinnt Raum für sich selbst, für eigene Projekte, für echte Interessen und für Beziehungen, die auf etwas ganz anderem basieren als auf körperlicher Anziehung.
Dass ab und zu Sehnsüchte nach Nähe oder Sex vorbeiziehen, gehört zum Menschsein dazu. Entscheidend ist, wie man damit umgeht: nicht mehr mit dem Gefühl des Mangels, sondern mit Gelassenheit.
Fazit
Ein Leben ohne Sex – sei es durch persönliche Entwicklung, veränderte Prioritäten oder die Wirkung von Medikamenten – ist kein halbes Leben. Wenn man aufhört, sich an den Schablonen anderer zu messen, kann genau darin eine unglaubliche Ruhe liegen.
Und das Schönste daran ist die Gewissheit: Man ist damit nicht allein, und man darf diesen Weg genau in dem Tempo gehen, das sich für einen selbst richtig anfühlt.
Ich lebe ohne Sex – aber mit einem vollen Herzen ❤️. Und das reicht mir völlig.
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