Geschichten

Südtirol: Freiheit um jeden Preis: Meine Kindheit, Flucht vor der Familie und der harte Weg zurück ins Leben

Südtirol: Freiheit um jeden Preis: Meine Kindheit, Flucht vor der Familie und der harte Weg zurück ins Leben

Manche Geschichten brauchen Jahrzehnte, bis sie erzählt werden können. Nicht, weil sie vergessen wurden, sondern weil die Erinnerung daran zu viel Kraft kostet. Jahrelang habe ich geschwiegen, weggeschaut und versucht, die Schatten meiner Vergangenheit zu verdrängen. Doch Schweigen heilt keine Wunden.

In diesem Beitrag nehme ich dich mit durch die ersten 22 Jahre meines Lebens – Jahre, die geprägt waren von häuslicher Gewalt, emotionalem Terror, einer dramatischen Flucht und dem harten Überleben auf der Straße. Es ist keine leichte Lektüre, aber es ist meine ungeschönte Wahrheit. Ich erzähle diese Geschichte nicht, um Mitleid zu suchen, sondern um meine eigene Stimme zurückzuholen und mit einem Kapitel abzuschließen, das mich fast zerstört hätte.

Ich bin bis zu meinem 6. oder 7. Lebensjahr mit meiner Mutter und meinem Vater aufgewachsen. Diese ersten Jahre meiner Kindheit waren für mich extrem schwierig. Auch spätere Kontaktaufnahmen mit meiner Mutter – der Umzug in ihre nähere Umgebung, ein Wiedersehen, das schließlich mit einem Polizeiaufgebot endete, und ein erneuter Kontaktabbruch – waren krass. Jetzt, nach über 30 Jahren, erzähle ich diese Geschichte und breche endlich mein Schweigen.

Der seelische Schmerz und die körperliche Gewalt begannen schon in meiner Kindheit. Heftige Streitereien und Auseinandersetzungen zwischen meinen Eltern begleiteten mich tagtäglich. Ich habe viele dieser schrecklichen Momente noch immer glasklar vor Augen. Selbst die Räumlichkeiten unserer damaligen Wohnung in der Peter-Anich-Siedlung in Bruneck habe ich bis heute im Gedächtnis.

Die Streitereien zwischen meinem Vater und meiner Mutter waren keine normalen Auseinandersetzungen. Es war ein tief empfundener Hass – geprägt von körperlichen und verbalen Attacken. Ich musste das miterleben, bis ich etwa sechs Jahre alt war. Es hat mich über all die Jahre begleitet, geprägt und zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Nun folgen einzelne Erlebnisse, an die ich mich erinnere, als wären sie erst gestern geschehen. Erlebnisse, die ich niemals in meinem Leben vergessen werde. Verzeiht mir, wenn ich mich vor allem an diese Geschehnisse erinnere und die genauen Hintergrundgeschichten teilweise verdrängt habe.

Ich habe die Bilder vor Augen, ohne dafür die Augen schließen zu müssen. Diese heftigen Ausbrüche sind auch der Grund, warum ich bis zu meinem 17. Lebensjahr Angst vor meinem eigenen Vater hatte – Angst, dass er mir zu nahe kommen könnte. Denn wenn es zu solchen Situationen kam, war er ein Mensch, der vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckte.

Erinnerung 1: Unter dem Tisch Wie so oft in meiner Kindheit spielte ich in einem Raum – ich war damals zwischen zwei und sechs Jahren alt. An diesem Tag hörte ich plötzlich Schreie und Krach. Welcher Raum es genau war, weiß ich nicht mehr, aber in meinen Erinnerungen ist es unser damaliges Wohnzimmer.

Mein Blick wandte sich ins Zimmer: Meine Mutter kauerte unter dem Tisch, mein Vater stand davor. Die Schreie und der Lärm füllten den Raum. Es ist eine Szene, die beim Schreiben wieder so lebendig wird, als würde sie genau in diesem Moment geschehen.

Mein Vater nahm einen Stuhl und versuchte, meine Mutter, die unter dem Tisch schrie, zu greifen, zu drängen und zu verletzen. Ich fing an zu weinen. Leise und heimlich richtete ich meinen Blick wieder auf mein Spielzeug, wandte mich ab und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht.

(An dieser Stelle muss ich beim Schreiben kurz innehalten. Der Schmerz sitzt tief und ich brauche Abstand, um diese Erinnerungen zuzulassen.)

Erinnerung 2: Die Verletzung Auch die nächste Erinnerung muss ich nicht erst ausgraben – sie liegt direkt vor mir und ist nach über 30 Jahren völlig präsent: Ich war im Badezimmer, wahrscheinlich beim Baden. Ich zog mir eine Unterhose an – allerdings verkehrt herum. Ich war vielleicht vier bis sechs Jahre alt.

Weil die Unterhose falsch saß, wurde ich angeschrien und geschlagen. Ich wurde aus dem Bad geworfen – ob es ein Stoß oder ein fester Tritt war, weiß ich nicht mehr. Ich landete im Wohnzimmer und fing an zu bluten.

(Wieder rinnt mir der Schweiß, mein Herz schlägt schnell. Die Konfrontation mit diesen Bildern kostet Kraft, aber ich will mich nicht mehr davor verstecken.)

Die Trennung meiner Eltern kam, als ich etwa sechs oder sieben Jahre alt war. Mein Vater bot meiner Mutter finanzielle Unterstützung unter der Bedingung, dass sie mich in Ruhe ließ. Eine Entscheidung, die völlig über den Kopf eines Kindes hinweg getroffen wurde. Bis heute kann ich die genauen Abläufe zwischen den beiden nicht vollständig aufdröseln – aber eines weiß ich ganz sicher: Das eigentliche Opfer in diesem Spiel war ich.

17 Jahre lang Psychoterror, körperliche Attacken und die große Flucht von zu Hause. Ich wurde sehr streng erzogen. Mein Bruder hat mich täglich schikaniert, ich habe viel geweint. Am Ende bekam ich die Schuld von allen Seiten, hatte von niemandem Rückhalt und wurde am Ende bestraft. Die Bestrafung war beispielsweise, indem ich zum Schlafen in den Keller musste. Auch am Esstisch hatte ich keine Ruhe, die ganze Zeit hörte ich, was ich verbrochen hatte, nach dem Essen musste ich wieder heimlich weinen. Am Abend flüchtete ich zu meiner Ersatzfamilie, dort ging es mir besser, doch ich hatte bis 17 Jahre wo ich zu Hause lebte, Zeiten wo ich wieder zu Hause sein musste (was ich völlig akzeptierte und auch verständlich war, es war 22 Uhr aber wehe ich kam 15 Minuten zu spät, ein heftiger Tritt in den Hintern und der Psychoterror am nächsten Tag ging wieder von vorne los, ganz zu schweigen von der Schikane meines Bruders die ich täglich erleben musste (Schüsse von der Luftdruckpistole auf meinen Fernseher, Juckpulver in meine saubere Wäsche, die Verwüstung meiner Ordnung nach dem Aufräumen des Zimmers, in die Schubladen schauen und stöbern meiner privaten Dinge und mehr) natürlich war das wieder ein zusätzlicher Grund, da ich immer wieder an meine psychischen Grenzen kam um diese für mich gewaltige Flut an Psychoterror unter dem Tag mitzuerleben, von jeder Seite aus, der Bruder der mich schikanierte, der Vater der mir heftige Arschtritte verpasste und jedesmal so nah an mich herankam dass ich daraus eine richtige Angst entwickelte dass er mir körperlich zu Nahe kommen könnte und dass das zu jeder Zeit passieren konnte und eine Person die ich hier nicht näher nennen möchte, von der ich es auch verbal zu spüren bekam. Ich sage nichts wären die Tage eine Ausnahme gewesen, doch ich erlebte diese für mich sehr heftigen, verbalen Attacken von 2 Personen im Haus, den alltäglichen Schikanen meines Bruders, die Angst von körperlicher Auseinandersetzung, den immensen Druck den ich spürte und natürlich die immensen Schuldgefühle die ich hatte als Psychoterror pur den ich nicht einmal alle paar Monate mitmachen musste denn das wäre für mich noch ein eher natürlicher Zustand gewesen, nein ich musste es fast jeden täglich durchmachen und zum weinen musste ich heimlich in einen Raum gehen. Als ich ungefähr 17 Jahre alt war, ist es schließlich zum Höhepunkt gekommen, musste ja mal passieren sage ich mir heute und dieses Ereignis brachte mich dann zur Flucht, also zum Auszug.

Ich kam etwas später nach Hause, mit später meine ich vielleicht um die 30 Minuten. Die Türen waren wie immer verschlossen, ich musste also wie immer einen Menschen wecken, natürlich hatte ich wieder große Angst davor und natürlich war diese Angst berechtigt, denn genau so kam es dann auch.

Ich bekam mehrere Arschtritte, schließlich fiel ich zu Boden, ich lag am Boden, die Tritte am Boden in meinem Körper. ließen nicht nach, ich fing an zu schreien. Ich bekam Schreie zurück, dass die Polizei gerufen wird und ich rief zurück, dass genau das gemacht werden sollte, natürlich wurde das nicht gemacht.

Diese Schreie blieben von meinem Onkel nebenan nicht unbemerkt und auch er kam ins Haus und der reine Psychoterror mit den körperlichen Attacken hat sich weiter ausgedehnt. Der Onkel schrie mich an, dass ich in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen werde… .

Das war der Grund und der Auslöser wieso ich innerhalb 2 Wochen die Flucht ergriff und von zu Hause abhaute. Natürlich bekam ich nach einer Kontaktaufnahme nach vielen Jahren immer zu hören, dass ich abgehauen bin und anscheinend wurde das und wird das bis heute nicht verstanden. Es ist unmöglich, mit meiner Familie diese Geschehnisse aufzuklären, ich habe es versucht, mehrmals nach vielen Jahren. Mir wurde immer gesagt, ich sollte aufhören, von der Vergangenheit zu reden. Also musste ich das so akzeptieren und Stillschweigen bewahren. Heute kann ich sagen, dass es die beste Entscheidung meines Lebens war.

Meine Zeit ohne Dach über dem Kopf, das Leben im Obdachlosenheim und mein Weg zurück in ein normales Leben. Als ich mich mit 17 Jahren entschied, von zu Hause abzuhauen – aus Schutz, um mich aus den Fängen der Vergangenheit zu befreien –, ahnte ich nicht, dass ich nur wenige Jahre später auf der Straße landen würde. Das war mit ungefähr 20 Jahren. Damals war ich körperlich zwar noch um vieles stärker als heute, doch Obdachlosigkeit prägt einen für das ganze Leben. Die Angst davor, noch einmal in diese Situation zu geraten, hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Und doch habe ich durch diese schwere Zeit vieles gelernt und mir Eigenschaften angeeignet, die mich zu einem guten Menschen haben heranwachsen lassen: voller Demut, Dankbarkeit und mit beiden Beinen fest auf dem Boden.

Das Rutschen in die Not Alles begann nach dem Ende einer Beziehung, die etwas über ein Jahr gehalten hatte. Die Trennung warf mich in ein tiefes Loch aus Depressionen und Kummer. Ich konnte zwar noch eine Zeit lang woanders unterkommen, aber ich war wie gelähmt: Ich habe nichts mehr gegessen, den ganzen Tag geschlafen und war einfach nur unendlich traurig.

Meine eigentliche Geschichte auf der Straße beginnt an einem warmen Sommertag. Zum Glück hat das Wetter damals vieles erleichtert.

Mit einem großen Rucksack und noch etwas Geld fuhr ich mit dem Zug nach Brixen. Die Sonne strahlte, was mir die Situation gefühlt etwas erträglicher machte. Über die genauen Umstände dachte ich gar nicht viel nach – mein Kopf war noch völlig erfüllt von Trauer und diesem Gefühl der Ohnmacht. Ich suchte mir ein Café, trank einen Kaffee, lud dort mein Handy auf und zahlte nach etwa 45 Minuten. Anschließend ging ich in einen Laden und kaufte mir vier oder fünf belegte Brote: zwei für den Moment und die restlichen als Notfallreserve für später.

Nach dem Einkauf suchte ich mir ein abgelegenes Plätzchen zum Ausruhen. Nach dem Essen holte ich die Zahnbürste aus meinem Rucksack, putzte mir die Zähne, schlief langsam ein und wachte am nächsten Morgen ganz früh wieder auf. Ich schaltete das Handy ein, checkte die Nachrichten und ging ein paar Stunden später wieder in ein Café auf einen Kaffee ☕. Dort lud ich mein Handy auf und suchte mir anschließend wieder einen ruhigen Ort.

So ging das einige Tage weiter. Der Ablauf wurde zu meiner täglichen Routine, und das gute Wetter begleitete mich ☀️. Der Druck wächst

Nach einigen Tagen bildete sich natürlich ein unangenehmer Körpergeruch. Da ich noch etwas Geld hatte, ging ich ins Schwimmbad, zahlte den Eintritt für ein paar Stunden und nutzte die Duschen.

Als ich aus dem Schwimmbad rauskam, regnete es plötzlich 🌧️. In diesem Moment fingen meine Gedanken an zu kreisen: Wo schlafe ich, wenn es regnet? Geld für eine Unterkunft hatte ich nicht mehr übrig und wollte dafür auch nicht ausgeben. Die letzten Reserven waren strikt für Essen, Kaffee und das Allernötigste gedacht.

Ich flüchtete vorübergehend in eine Bar und traf dort den Entschluss, mit dem Zug weiter nach Bozen zu fahren 🚆.

Als ich dort ankam, war es schon leicht dämmerig. Ich machte mich auf die Suche nach einem Schlafplatz. Dabei begegnete ich stark alkoholisierten Menschen, Personen, die auf Parkbänken lagen, und Gruppen, die sich Wein im Tetra Pak teilten. Von einem mulmigen Gefühl begleitet, erkundete ich weiter die Umgebung. Dann traf ich auf eine Gruppe Betrunkener, und einer von ihnen verprügelte gerade eine Frau. Ohne nachzudenken schrie ich: „Stopp!“ Es dauerte nicht lange, da wandte sich die Gruppe gegen mich und verfolgte mich. Schnell lernte ich die harte Realität der Straße kennen … Natürlich rannte ich so schnell ich konnte davon.

Von Angst und Zweifeln getrieben, überprüfte ich kurz darauf mein restliches Geld 💸. Es waren noch etwa 70 Euro. Ich entschied mich, für diese Nacht ein günstiges Hotel 🏨 aufzusuchen. Das Zimmer kostete 45 Euro. Ich sperrte auf, ging sofort unter die Dusche und legte mich, geplagt von Schmerzen im ganzen Körper, ins Bett.

Am nächsten Morgen trank ich wieder einen Kaffee im Café und kaufte mir im Laden etwas zu essen. Den Tag verbrachte ich zum Ausruhen an den Talferwiesen. Die Stunden vergingen, und langsam war mein Geld komplett aufgebraucht.

Der tiefste Punkt und der Ausweg Ich wartete, bis es dunkel wurde. Es war mein Schritt in die Prostitution. Zum Glück bin ich homosexuell, was mir diesen Schritt in der Not zumindest ein klein wenig erleichterte. So kam ich wieder an etwas Geld, und es reichte erneut für eine Nacht im Hotel.

So verging eine Woche. Ich entwickelte eine Routine und baute mir langsam Kontakte auf, von denen ich für sexuelle Dienstleistungen Geld bekam. Doch in den darauffolgenden Wochen kam ein Hotel aus verschiedenen Gründen nicht mehr infrage. Ich suchte mir immer wieder abgelegene Orte – weit weg vom Trubel und weg von den Plätzen, vor denen ich Angst hatte.

Ich schlief auf Bänken oder Wiesen. Wenn es regnete, flüchtete ich für ein paar Stunden in Keller oder Stiegenhäuser von Wohnhäusern, manchmal auch unter eine Brücke. Wenn das Geld nicht einmal für Essen reichte, sammelte ich übrig gelassene Pizzareste fremder Menschen ein, nur um überhaupt etwas im Magen zu haben.

Nach einigen Wochen hielt ich diesen Zustand nicht mehr aus. Ich wollte so nicht mehr weitermachen und suchte mir in Bozen gezielt Hilfe. Ich bekam vorübergehend einen Platz im Obdachlosenheim. Endlich wieder ein festes Dach über dem Kopf, eine tägliche warme Dusche und eine warme Mahlzeit. Von dort aus nahm ich mein Leben wieder in die Hand: Ich suchte mir Arbeit und wenig später auch eine eigene Wohnung. Nach etwa einem Monat fand ich so den Weg zurück in ein normales Leben – und für immer raus aus der Obdachlosigkeit.


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