Lesergeschichte: „Du brauchst nichts zu erzählen, dir glaubt ja eh keiner“
Lesergeschichte
Triggerwarnung: Der folgende Bericht enthält Schilderungen von sexuellem Missbrauch in der Kindheit, familiärer Gewalt und psychischem Terror. Wenn dich diese Themen belasten, lies diesen Text bitte nicht alleine oder nutze die Hilfsangebote am Ende des Artikels.
Ein Beitrag aus unserer Reihe persönlicher Erfahrungsberichte. Namen und Orte wurden zum Schutz aller Beteiligten geändert.
Namen, Orte und identifizierende Details wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte verfremdet.
Es begann, als ich zwölf Jahre alt war. Mein eigener Erzeuger fing an, mich sexuell zu missbrauchen.
Es fing scheinbar „harmlos“ an – mit Berührungen. Und immer wieder kam derselbe Satz, der sich wie ein Brandzeichen in mein Gedächtnis brannte: „Du brauchst nix zu erzählen, dir glaubt ja eh keiner.“
Er nutzte aus, dass ich damals meinen ersten Freund hatte – einen 21-jährigen Türken. Für mich war er einfach ein Freund, jemand, der mir zuhörte und für mich da war. Körperlich ging es nie über ein Küssen hinaus. Doch mein Erzeuger nahm mir meine Unschuld. Nicht meine Freunde entjungferten mich, sondern der eigene Vater.
Ein Leben in der Hölle
Schnell wurde es schlimmer. Er fing an, Fotos zu machen. Später versuchte er, mich mit teuren Geschenken zu bezahlen oder ruhigzustellen. Das Gefühl der Ohnmacht war riesig: Ich war Claudia, die „böse Lügen-Erzählerin“, die angeblich nur Märchen erfand. Meine eigene Mutter glaubte mir nicht.
Ich hatte panische Angst, von der Schule nach Hause zu kommen. Einmal rief ich in meiner Verzweiflung das Jugendamt an. Die Mitarbeiter kamen zwar vorbei, aber ohne Beweise und mit einer Mutter, die alles abstritt, passierte nichts.
Ein anderes Mal haute ich von zu Hause ab. Ich wollte einfach nur weg. Doch ausgerechnet am selben Ort hielt sich mein Opa auf – die Polizei griff mich auf und brachte mich zurück in die Hölle.
Die Gewalt beschränkte sich nicht nur auf den Missbrauch. Ich wurde regelmäßig grün und blau geschlagen. Nach einer besonders schlimmen Tracht Prügel ging ich in meiner Verzweiflung mit einem scharfen Fleischermesser auf ihn los. Meine Mutter warf sich dazwischen – sonst hätte ich ihn in diesem Moment erstochen.
Die Rettung und das Weiterleben
1994 lernte ich meinen späteren Ehemann kennen. Er war meine Rettung. Ich zog mit ihm nach Kaiserslautern – nicht sofort aus Liebe, die wuchs erst nach etwa sechs Monaten. Erst als ich mich sicher fühlte, klärte ich ihn darüber auf, warum ich so überstürzt von zu Hause weggegangen war und was mir angetan worden war.
Wie dreist mein Erzeuger war, zeigte sich beim ersten gemeinsamen Weihnachtsfest. Während mein damaliger Freund mit ihm im Wohnzimmer saß, fragte der Erzeuger ihn eiskalt: „Na, was verlangt Claudia denn für eine Nacht mit ihr?“ Gott sei Dank wusste mein Freund zu diesem Zeitpunkt bereits Bescheid.
Als ich ausgezogen war, reduzierte sich der Missbrauch. Er passierte nur noch ein- bis zweimal, wenn ich zufällig alleine mit ihm war – Situationen, die ich um jeden Preis zu vermeiden versuchte.
Der Schatten reicht bis in die nächste Generation
Das Schlimmste aber war: Der Missbrauch hörte nicht bei mir auf. Als unsere eigene Tochter etwa 12 Jahre alt war, fing sie plötzlich an, sich komplett zu verändern und sehr still zu werden.
Wir verstanden erst nicht, was los war – bis herauskam, dass er dieselbe Scheiße bei ihr versucht hatte. Wieder mit derselben Masche: „Dir glaubt eh keiner, und ich sage einfach, du wolltest es so.“
Du hast eine eigene Geschichte die du erzählen möchtest, egal um welches Thema es handelt, du wirst gehört. Dann nimm mit dem neuen SÜDTIROL MAGAZIN Kontakt auf. info@suedtirolmagazin.it
Brauchst du Hilfe oder Unterstützung?
Wenn du selbst von sexuellem Missbrauch, häuslicher Gewalt oder Ausbeutung betroffen bist oder jemanden kennst, der Hilfe braucht:
Südtirol & Italien
- Südtiroler Frauenhelpline (Frauenhausdienste):800 256 998(24h erreichbar, kostenlos)
- Notrufnummer Gewalt & Stalking (Italienweit):1522(24/7 kostenlos, mehrsprachig)
- Telefonseelsorge Südtirol:0471 052 052
- Familienberatung / Netzwerke:
- Familienberatung FABE:0471 973 511
- Sozialdienste & Anlaufstellen gegen Gewalt an Frauen und Kindern in den jeweiligen Bezirken (Bozen, Meran, Brixen, Bruneck).
Deutschland
- Hilfetelefon Sexueller Missbrauch:0800 22 55 530(kostenlos & anonym)
- Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“:116 016(24/7 kostenlos)
- Telefonseelsorge Deutschland:0800 111 0 111oder0800 111 0 222
Österreich
- Frauenhelpline gegen Gewalt:0800 222 555(24/7 kostenlos)
- Telefonseelsorge Österreich:142(24/7 kostenlos)
- Opfernotruf:0800 112 112
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