Über 1.700 gefälschte Nachweise, bis zu 1.500 Euro pro Zertifikat: Ein mutmaßlicher Vermittler offenbart exklusiv gegenüber der Tageszeitung „Alto Adige“ erschütternde Details. Unter den Abnehmern sollen sich auch Mitarbeiter des Sanitätsbetriebs und der Sicherheitskräfte befinden.

BOZEN – Das System der Südtiroler Zweisprachigkeitsprüfung wird von einem handfesten Betrugsskandal erschüttert. Wie die Tageszeitung Alto Adige exklusiv berichtet, soll ein weitreichendes Netzwerk über Jahre hinweg hunderte gefälschte oder unrechtmäßig ausgestellte Sprachzertifikate in Umlauf gebracht haben. Nun bricht einer der mutmaßlichen Drahtzieher sein Schweigen und liefert brisante Einblicke in die florierende Schattenwirtschaft rund um die begehrten Sprachnachweise.

Der Mann, der sich selbst als Vermittler beschreibt, zeichnet im Gespräch mit der Tageszeitung das Bild eines eingespielten Betrugsapparates. Nach seinen Schilderungen handele es sich keineswegs um Einzelfälle, sondern um ein regelrechtes Geschäftsmodell mit enormen Dimensionen.

„Bis zu 1.500 Euro pro Prüfung“

Die Abwicklung lief laut dem Informanten über standardisierte Tarife ab: Je nach angestrebtem Sprachniveau wurden stolze Summen fällig. „Für eine bestandene Prüfung ohne Anwesenheit oder mit manipulierten Ergebnissen zahlten Interessenten zwischen 800 und 1.500 Euro“, wird der Insider von Alto Adige zitiert.

Im Raum steht die ungeheuerliche Zahl von weit über 1.000 manipulierten Zertifikaten. Das System basierte offenbar darauf, bestehende Kontrollmechanismen gezielt zu unterlaufen oder Testzertifikate aus dem Ausland bzw. von kooperierenden Instituten so einzuschleusen, dass sie im Südtiroler Anerkennungsverfahren anstandslos durchgewunken wurden.

Kunden im Krankenhaus und bei Sicherheitskräften?

Besonders brisant ist das Profil der mutmaßlichen Kundschaft. Da das Zweisprachigkeitspatent in Südtirol nicht nur die Voraussetzung für feste Anstellungen im öffentlichen Dienst darstellt, sondern monatlich eine spürbare finanzielle Zweisprachigkeitszulage garantiert, war das Interesse quer durch alle Berufsgruppen groß.

Wie Alto Adige unter Berufung auf das Geständnis berichtet, sollen sich unter den Nutznießern des Netzwerks auch Bedienstete des Südtiroler Sanitätsbetriebs – insbesondere im Bereich des Bozner Krankenhauses – sowie Angehörige von Ordnungs- und Sicherheitskräften befinden. „Die Nachfrage war enorm, weil es für viele um feste Posten oder hunderte Euro Zulage jeden Monat ging“, so die Schilderung des Vermittlers.

Ermittler prüfen Dimension des Skandals

Die Enthüllungen dürften nun auch juristisch hohe Wellen schlagen. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, drohen den Beteiligten nicht nur strafrechtliche Konsequenzen wegen Urkundenfälschung und Betrugs, sondern auch der sofortige Verlust der Anstellung im öffentlichen Dienst sowie die Rückforderung zu Unrecht bezogener Zulagen.

Für das Land Südtirol und die Glaubwürdigkeit des Zweisprachigkeitsnachweises bedeutet der Fall schon jetzt einen schweren Reputationsschaden.