Auf den ersten Blick erinnert die Siedlung an ein Hobbit-Dorf: Begrünte Dächer, organische Formen und eine idyllische Naturlandschaft. Doch hinter der Öko-Siedlung „Aardehuis“ in den Niederlanden steckt ein radikales Architekturkonzept: sogenannte Earthships. Häuser, die größtenteils aus Zivilisationsabfällen bestehen und sich fast komplett selbst mit Energie versorgen.
Rund eineinhalb Stunden von Amsterdam entfernt haben 44 Bewohner ihren Traum vom autarken, nachhaltigen Leben verwirklicht. Statt auf Beton, Asphalt und konventionelle Baustoffe setzten sie auf Upcycling, nachwachsende Rohstoffe und jahrzehntealtes Umwelt-Know-how.
Autoreifen als natürliche Wärmespeicher
Das Prinzip der Earthships wurde bereits in den 1970er-Jahren vom US-Architekten Michael Reynolds ins Leben gerufen. Die Idee dahinter: Bauen mit dem, was die moderne Gesellschaft im Überfluss wegwirft. Weltweit existieren heute schätzungsweise rund 3.000 dieser Bauten, der Großteil davon in den USA.
Die Besonderheit liegt im Kern der Wände:
- Wärmespeicher-Effekt: Die massiven Rückwände bestehen im Inneren aus ausgedienten Autoreifen, die fest mit Erde verdichtet wurden.
- Der Schwamm-Effekt: Die Reifen schlucken an sonnigen Tagen die einstrahlende Wärmeenergie wie ein Schwamm und geben sie nachts oder in den kühlen Abendstunden langsam wieder an die Wohnräume ab.
- Nachhaltiges Material: Bei Ausbau und Fassaden kommen gebrauchte Holzdielen, Lehm und biologische Rohstoffe aus der Region zum Einsatz – Neukäufe im Baumarkt gab es nur im absoluten Notfall.
Fast 100 Prozent energieautark
Ein klassisches Earthship soll Strom und Wärme zu 100 Prozent selbst erzeugen. Im gemäßigten und feuchteren Klima der Niederlande stößt das reine Sonnenprinzip an eisigen Wintertagen jedoch an seine Grenzen. Für diese Spitzenzeiten ergänzen moderne Wärmepumpen das System, um den Bewohnern das ganze Jahr über angenehme Temperaturen zu sichern.
Ein Dorf ohne Straßen, dafür mit Waldgarten
Auch die Siedlungsstruktur bricht mit klassischen Mustern: Asphaltierte Straßen sucht man in Aardehuis vergeblich. Autos werden ausnahmslos auf einem Gemeinschaftsparkplatz am Rande der Siedlung abgestellt, wo sich die Nachbarn unter anderem E-Autos teilen.
Im Zentrum steht das gemeinsame Wirtschaften: Die Bewohner bauten die Häuser mit Unterstützung von Freiwilligen größtenteils mit den eigenen Händen auf. Heute versorgt ein gemeinschaftlicher Waldgarten die Siedlung mit frischem Obst, Nüssen, Beeren und Kräutern.
Für viele Bewohner ist aus dem Bauprojekt längst eine Lebenseinstellung geworden: Statt der sonst oft üblichen Isolation moderner Vorstädte steht hier der Austausch und die echte Nachbarschaft im Fokus.
Quelle & Reportage: Deutsche Welle (DW Deutsch) auf YouTube