Heute teile ich eine Geschichte über mich, die nicht einmal meine engsten Vertrauten voll und ganz kennen. Ich habe sie jahrelang so gut es ging verschwiegen: meine Zeit ohne Dach über dem Kopf, das Leben im Obdachlosenheim und mein Weg zurück in ein normales Leben.

Als ich mich mit 17 Jahren entschied, von zu Hause abzuhauen – aus Schutz, um mich aus den Fängen der Vergangenheit zu befreien –, ahnte ich nicht, dass ich nur wenige Jahre später auf der Straße landen würde. Das war mit ungefähr 20 Jahren.

Damals war ich körperlich zwar noch um vieles stärker als heute, doch Obdachlosigkeit prägt einen für das ganze Leben. Die Angst davor, noch einmal in diese Situation zu geraten, hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Und doch habe ich durch diese schwere Zeit vieles gelernt und mir Eigenschaften angeeignet, die mich zu einem guten Menschen haben heranwachsen lassen: voller Demut, Dankbarkeit und mit beiden Beinen fest auf dem Boden.

Das Rutschen in die Not

Alles begann nach dem Ende einer Beziehung, die etwas über ein Jahr gehalten hatte. Die Trennung warf mich in ein tiefes Loch aus Depressionen und Kummer. Ich konnte zwar noch eine Zeit lang woanders unterkommen, aber ich war wie gelähmt: Ich habe nichts mehr gegessen, den ganzen Tag geschlafen und war einfach nur unendlich traurig.

Meine eigentliche Geschichte auf der Straße beginnt an einem warmen Sommertag. Zum Glück hat das Wetter damals vieles erleichtert.

Mit einem großen Rucksack und noch etwas Geld fuhr ich mit dem Zug nach Brixen. Die Sonne strahlte, was mir die Situation gefühlt etwas erträglicher machte. Über die genauen Umstände dachte ich gar nicht viel nach – mein Kopf war noch völlig erfüllt von Trauer und diesem Gefühl der Ohnmacht.

Ich suchte mir ein Café, trank einen Kaffee, lud dort mein Handy auf und zahlte nach etwa 45 Minuten. Anschließend ging ich in einen Laden und kaufte mir vier oder fünf belegte Brote: zwei für den Moment und die restlichen als Notfallreserve für später.

Nach dem Einkauf suchte ich mir ein abgelegenes Plätzchen zum Ausruhen. Nach dem Essen holte ich die Zahnbürste aus meinem Rucksack, putzte mir die Zähne, schlief langsam ein und wachte am nächsten Morgen ganz früh wieder auf. Ich schaltete das Handy ein, checkte die Nachrichten und ging ein paar Stunden später wieder in ein Café auf einen Kaffee ☕. Dort lud ich mein Handy auf und suchte mir anschließend wieder einen ruhigen Ort.

So ging das einige Tage weiter. Der Ablauf wurde zu meiner täglichen Routine, und das gute Wetter begleitete mich ☀️.

Der Druck wächst

Nach einigen Tagen bildete sich natürlich ein unangenehmer Körpergeruch. Da ich noch etwas Geld hatte, ging ich ins Schwimmbad, zahlte den Eintritt für ein paar Stunden und nutzte die Duschen.

Als ich aus dem Schwimmbad rauskam, regnete es plötzlich 🌧️. In diesem Moment fingen meine Gedanken an zu kreisen: Wo schlafe ich, wenn es regnet? Geld für eine Unterkunft hatte ich nicht mehr übrig und wollte dafür auch nicht ausgeben. Die letzten Reserven waren strikt für Essen, Kaffee und das Allernötigste gedacht.

Ich flüchtete vorübergehend in eine Bar und traf dort den Entschluss, mit dem Zug weiter nach Bozen zu fahren 🚆.

Als ich dort ankam, war es schon leicht dämmerig. Ich machte mich auf die Suche nach einem Schlafplatz. Dabei begegnete ich stark alkoholisierten Menschen, Personen, die auf Parkbänken lagen, und Gruppen, die sich Wein im Tetra Pak teilten.

Von einem mulmigen Gefühl begleitet, erkundete ich weiter die Umgebung. Dann traf ich auf eine Gruppe Betrunkener, und einer von ihnen verprügelte gerade eine Frau. Ohne nachzudenken schrie ich: „Stopp!“ Es dauerte nicht lange, da wandte sich die Gruppe gegen mich und verfolgte mich. Schnell lernte ich die harte Realität der Straße kennen … Natürlich rannte ich so schnell ich konnte davon.

Von Angst und Zweifeln getrieben, überprüfte ich kurz darauf mein restliches Geld 💸. Es waren noch etwa 70 Euro. Ich entschied mich, für diese Nacht ein günstiges Hotel 🏨 aufzusuchen. Das Zimmer kostete 45 Euro. Ich sperrte auf, ging sofort unter die Dusche und legte mich, geplagt von Schmerzen im ganzen Körper, ins Bett.

Am nächsten Morgen trank ich wieder einen Kaffee im Café und kaufte mir im Laden etwas zu essen. Den Tag verbrachte ich zum Ausruhen an den Talferwiesen. Die Stunden vergingen, und langsam war mein Geld komplett aufgebraucht.

Der tiefste Punkt und der Ausweg

Ich wartete, bis es dunkel wurde. Es war mein Schritt in die Prostitution. Zum Glück bin ich homosexuell, was mir diesen Schritt in der Not zumindest ein klein wenig erleichterte.

So kam ich wieder an etwas Geld, und es reichte erneut für eine Nacht im Hotel.

So verging eine Woche. Ich entwickelte eine Routine und baute mir langsam Kontakte auf, von denen ich für sexuelle Dienstleistungen Geld bekam. Doch in den darauffolgenden Wochen kam ein Hotel aus verschiedenen Gründen nicht mehr infrage. Ich suchte mir immer wieder abgelegene Orte – weit weg vom Trubel und weg von den Plätzen, vor denen ich Angst hatte.

Ich schlief auf Bänken oder Wiesen. Wenn es regnete, flüchtete ich für ein paar Stunden in Keller oder Stiegenhäuser von Wohnhäusern, manchmal auch unter eine Brücke. Wenn das Geld nicht einmal für Essen reichte, sammelte ich übrig gelassene Pizzareste fremder Menschen ein, nur um überhaupt etwas im Magen zu haben.

Nach einigen Wochen hielt ich diesen Zustand nicht mehr aus. Ich wollte so nicht mehr weitermachen und suchte mir in Bozen gezielt Hilfe. Ich bekam vorübergehend einen Platz im Obdachlosenheim. Endlich wieder ein festes Dach über dem Kopf, eine tägliche warme Dusche und eine warme Mahlzeit.

Von dort aus nahm ich mein Leben wieder in die Hand: Ich suchte mir Arbeit und wenig später auch eine eigene Wohnung. Nach etwa einem Monat fand ich so den Weg zurück in ein normales Leben – und für immer raus aus der Obdachlosigkeit.

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