Ich bin bis zu meinem 6. oder 7. Lebensjahr mit meiner Mutter und meinem Vater aufgewachsen. Diese ersten Jahre meiner Kindheit waren für mich extrem schwierig. Auch spätere Kontaktaufnahmen mit meiner Mutter – der Umzug in ihre nähere Umgebung, ein Wiedersehen, das schließlich mit einem Polizeiaufgebot endete, und ein erneuter Kontaktabbruch – waren krass. Jetzt, nach über 30 Jahren, erzähle ich diese Geschichte und breche endlich mein Schweigen.
Der seelische Schmerz und die körperliche Gewalt begannen schon in meiner Kindheit. Heftige Streitereien und Auseinandersetzungen zwischen meinen Eltern begleiteten mich tagtäglich. Ich habe viele dieser schrecklichen Momente noch immer glasklar vor Augen. Selbst die Räumlichkeiten unserer damaligen Wohnung in der Peter-Anich-Siedlung in Bruneck habe ich bis heute im Gedächtnis.
Die Streitereien zwischen meinem Vater und meiner Mutter waren keine normalen Auseinandersetzungen. Es war ein tief empfundener Hass – geprägt von körperlichen und verbalen Attacken. Ich musste das miterleben, bis ich etwa sechs Jahre alt war. Es hat mich über all die Jahre begleitet, geprägt und zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.
Nun folgen einzelne Erlebnisse, an die ich mich erinnere, als wären sie erst gestern geschehen. Erlebnisse, die ich niemals in meinem Leben vergessen werde. Verzeiht mir, wenn ich mich vor allem an diese Geschehnisse erinnere und die genauen Hintergrundgeschichten teilweise verdrängt habe.
Ich habe die Bilder vor Augen, ohne dafür die Augen schließen zu müssen. Diese heftigen Ausbrüche sind auch der Grund, warum ich bis zu meinem 17. Lebensjahr Angst vor meinem eigenen Vater hatte – Angst, dass er mir zu nahe kommen könnte. Denn wenn es zu solchen Situationen kam, war er ein Mensch, der vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckte.
Erinnerung 1: Unter dem Tisch Wie so oft in meiner Kindheit spielte ich in einem Raum – ich war damals zwischen zwei und sechs Jahren alt. An diesem Tag hörte ich plötzlich Schreie und Krach. Welcher Raum es genau war, weiß ich nicht mehr, aber in meinen Erinnerungen ist es unser damaliges Wohnzimmer.
Mein Blick wandte sich ins Zimmer: Meine Mutter kauerte unter dem Tisch, mein Vater stand davor. Die Schreie und der Lärm füllten den Raum. Es ist eine Szene, die beim Schreiben wieder so lebendig wird, als würde sie genau in diesem Moment geschehen.
Mein Vater nahm einen Stuhl und versuchte, meine Mutter, die unter dem Tisch schrie, zu greifen, zu drängen und zu verletzen. Ich fing an zu weinen. Leise und heimlich richtete ich meinen Blick wieder auf mein Spielzeug, wandte mich ab und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht.
(An dieser Stelle muss ich beim Schreiben kurz innehalten. Der Schmerz sitzt tief und ich brauche Abstand, um diese Erinnerungen zuzulassen.)
Erinnerung 2: Die Verletzung Auch die nächste Erinnerung muss ich nicht erst ausgraben – sie liegt direkt vor mir und ist nach über 30 Jahren völlig präsent: Ich war im Badezimmer, wahrscheinlich beim Baden. Ich zog mir eine Unterhose an – allerdings verkehrt herum. Ich war vielleicht vier bis sechs Jahre alt.
Weil die Unterhose falsch saß, wurde ich angeschrien und geschlagen. Ich wurde aus dem Bad geworfen – ob es ein Stoß oder ein fester Tritt war, weiß ich nicht mehr. Ich landete im Wohnzimmer und fing an zu bluten.
(Wieder rinnt mir der Schweiß, mein Herz schlägt schnell. Die Konfrontation mit diesen Bildern kostet Kraft, aber ich will mich nicht mehr davor verstecken.)
Die Trennung meiner Eltern kam, als ich etwa sechs oder sieben Jahre alt war. Mein Vater bot meiner Mutter finanzielle Unterstützung unter der Bedingung, dass sie mich in Ruhe ließ. Eine Entscheidung, die völlig über den Kopf eines Kindes hinweg getroffen wurde. Bis heute kann ich die genauen Abläufe zwischen den beiden nicht vollständig aufdröseln – aber eines weiß ich ganz sicher: Das eigentliche Opfer in diesem Spiel war ich.
Ein Blick nach vorne: Das Treffen in Bozen Zum Abschluss dieses ersten Teils möchte ich einen Sprung von etwa zehn Jahren machen, um ein Bild davon zu vermitteln, wie das Verhältnis zu meiner Mutter später aussah.
Ich war damals in Therapie im Therapiezentrum Bad Bachgart in Rodeneck. Nach den ersten Wochen hatte ich das erste Mal Ausgang und fuhr nach Bozen zu meiner damaligen Wohnung. In der Stadt traf ich zufällig meine Mutter mit ihrem damaligen Partner. Sie kam auf mich zu und fragte mich direkt, was ich hier tue und wo ich arbeite.
Um mich zu schützen – ich wollte nicht offenlegen, dass ich mich in einer Therapieeinrichtung befand – schützte ich eine Lüge vor und sagte, ich arbeite in Österreich.
Innerhalb von Minuten kippte die Stimmung komplett. Sie fing an zu schreien und schlug mir mitten in der Öffentlichkeit ins Gesicht. Anschließend rief sie die Polizei und behauptete vor den Beamten, ich würde in Österreich illegaler Arbeit nachgehen.
Als die Polizei eintraf, ging ich auf einen der Beamten zu und zeigte ihm meine Dokumente. So konnte er schnell überprüfen, dass ich lediglich Ausgang aus dem Therapiezentrum hatte. Dennoch schrie meine Mutter weiter und machte eine riesige Szene. Es sammelte sich eine große Menschenmenge. Als meine Mutter erneut versuchte, handgreiflich zu werden, riet mir der Polizist, mich zum Eigenschutz hinten in das Polizeiauto zu setzen, um die Situation zu deeskalieren.
Nach etwa 15 Minuten stieg ich wieder aus. Meine Mutter war verschwunden, die Passanten hatten sich zerstreut. Ich konnte meines Weges gehen. Zu einigen Menschen, die das Geschehen damals mitangesehen haben, habe ich bis heute noch sporadisch Kontakt.
Ich kann nicht in den Kopf meiner Mutter schauen. Ich müsste lange recherchieren und analysieren, wie eine Mutter ihr eigenes Fleisch und Blut so behandeln und in aller Öffentlichkeit bloßstellen kann. Damals stand ich nach Rücksprache mit meinen Therapeuten kurz davor, Anzeige zu erstatten. Ich habe mich letztlich dagegen entschieden, um all meine Kraft auf die Therapie zu konzentrieren und meinen Weg weiterzugehen.
Einen abschließenden und sarkastischen Gruße an Manuela H. und Arnold G.



